Tag 71 der Reise, von Fonte della Maddalena (bei Castelfidardo) nach Macerata, 33 km

10. November 2022 ...

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Nach dem Bürotag habe ich mir heute mal wieder eine anspruchsvollere Strecke zugetraut. Anspruchsvoll waren vor allem die Höhenmeter, denn es ging im Laufe des Tages 860 m nach oben und immer mal wieder auch bergab. Macerata liegt auf ungefähr 300 m Höhe und weiter hoch ging es auch im Laufe des Tages nicht.

Die Landschaft ist von sanft gewölbten Hügeln geprägt. Auf den Feldern sind einzelne Gehöfte verstreut. Von oben sieht das oft aus, als habe ein Landschaftsplaner hier für Abwechslung gesorgt. Mit den geschwungenen Wegen wirkt alles etwas pittoresk.  Die Städte liegen ausnahmslos auf den Kuppen der Hügel. Ich kam durch Loreto und Recanati. Das sind jeweils sehr alte Städte mit oft komplett erhaltenen Wehranlagen und Toren. Bei den Toren denke ich mir immer, wenn sie in der passenden Himmelsrichtung liegen, dass Seume sie wohl passiert haben muss.

Zu Loreto schreibt er:

„Es ist überhaupt nicht viel Vernunft in der Vergebung der Sünden; aber wer diese Art derselben erfunden hat, bleibt ein Fluch der Menschheit, bis die Spur seiner Lehre getilget ist. Mit diesen und ähnlichen Gedanken wandelte ich die lange Gasse von Loretto den Berg hinauf und hinab, durch die schönen Täler weiter und immer nach Macerata zu. Links haben die Leute eine herrliche Wasserleitung angelegt, die das Wasser von Recanati nach Loretto bringt. Wenn ich überall eine solche Kultur fände, wie von Ankona bis Macerata und Tolentino, so wollte ich fast den Mönchen ihre Möncherei verzeihen. In Macerata bewillkommte mich im Tor ein päpstlicher Korporal und nahm sich polizeimäßig die Freiheit meinen Paß zu beschauen. Der Mann war übrigens recht höflich und artig, und schickte mich in ein Wirtshaus nicht weit vom Tore, wo ich so freundlich und billig behandelt wurde, daß mir die Leutchen mit ihrem gewaltig starken Glauben durch ihre Gutmütigkeit außerordentlich wert wurden. Ich machte mir ein gutes Feuer von Ulmenreisig und Weinreben, las eine Rhapsodie aus dem Homer und schlief so ruhig wie in der Nachbarschaft des Leipziger Paulinums.“

Von der erwähnten Wasserleitung habe ich leider nichts gesehen, wenn sie denn überhaupt noch existiert.

In Recanati besuchte ich den Dom. Auch durch die Altstadt von Macerata habe ich einen kleinen Umweg gemacht. Diese wirkte recht leer, es waren kaum Menschen unterwegs. Schon gar nicht gab es die vielen kleinen Bars und Kneipen, die man ansonsten in den Stadtkernen der touristischen Regionen trifft.

Die Strecke heute war nur am Anfang für einige Kilometer unangenehm wegen des Verkehrs. Aber dann gab es auf den Felder Wege mit vollkommener Stille. Stille, ich hab dich so vermisst.

Quartier habe ich im 7. Stock eines Neubaublocks mit Aussicht auf andere Neubaublöcke. Gerade hat ein kurzer Erdstoß dieses hohe Haus erschüttert. War aber nicht so krass wie gestern. Mal sehen, ob ich morgen noch im Bett liege.

Kurz vor Loreto sah ich in der Ferne noch mal das Meer, aber ich sollte es von den Höhen immer wieder sehen.

Hinten auf dem Hügel liegt Loreto.
Ein Stadttor in Loreto. Dahinter liegt die bedeutende Basilika, die ich leider nicht ansah.
Das könnte sie sein, die lange Gasse bergauf, von der Seume schreibt.
Hinter der Stadt (Loreto) sieht man in der Ferne den Monte Conero, immerhin 572 m hoch, er ist auch von Ancona gut zu sehen.
Hier ist die Landschaft recht malerisch, auch Schafe sind vorhanden
Blick auf Recanati vom Domberg aus
Im Dom von Recanati
Das ist eines der Bilder, die ich alle 5 km mache, egal, wo ich gerade stehe
Blick auf Recanati aus Nordosten
In der Ferne Mecarata
Auf der Brücke des Fiume Potenza, endlich wieder mal ein Fluss mit ordentlich Wasser
In der Altstadt von Macerata
Das Stadttor Richtung Tolentino, Seumes Weg

Day 71 of the trip, from Fonte della Maddalena (near Castelfidardo) to Macerata, 33 km.

After the day at the office, today I dared to take a more demanding route. Demanding were especially the altitude meters, because it went in the course of the day 860 m up and now and then also downhill. Macerata is located at an altitude of about 300 m and it did not go any higher during the day.

The landscape is characterized by gently rolling hills. In the fields are scattered individual farmsteads. From above, it often looks as if a landscape planner has provided some variety here. With the curved paths, everything looks somewhat picturesque. The towns are all on the hilltops, without exception. I passed through Loreto and Recanati. These are both very old towns with often completely preserved fortifications and gates. With the gates I always think to myself, if they lie in the suitable cardinal direction, that Seume must have passed them.

On Loreto he writes:

„There is not much reason at all in the forgiveness of sins; but he who has invented this kind of the same remains a curse to mankind until the trace of his teaching is erased. With these and similar thoughts I walked up and down the long alley of Loretto, through the beautiful valleys and always towards Macerata. On the left, people have built a magnificent aqueduct that brings the water from Recanati to Loretto. If I found such a culture everywhere, as from Ancona to Macerata and Tolentino, I would almost forgive the monks their monasticism. In Macerata, a papal corporal met me at the gate and took the liberty of inspecting my passport. The man was, by the way, quite polite and well-behaved, and sent me to an inn not far from the gate, where I was treated so kindly and cheaply that the people, with their tremendously strong faith, became extraordinarily valuable to me through their good nature. I made myself a good fire of elm brushwood and vines, read a rhapsody from Homer, and slept as peacefully as in the neighborhood of the Leipzig Paulinum.“

Unfortunately, I saw nothing of the aforementioned water pipe, if it still exists at all.

In Recanati I visited the cathedral. I also made a small detour through the old town of Macerata. This seemed quite empty, there were hardly people on the road. Certainly not were the many small bars and pubs that you otherwise meet in the city centers of the tourist regions.

The route today was only unpleasant at the beginning for a few kilometers because of the traffic. But then there were paths with complete silence in the fields. Silence, I missed you so much.

I have quarters on the 7th floor of a new building block with a view of other new building blocks. A short earth tremor has just shaken this high building. But it was not as strong as yesterday. Let’s see if I’m still in bed tomorrow.