Bar und Bares

07.10.2023

Gestern wollten wir endlich Arbeitsmaterial kaufen: Papier, Farben, Pinsel. Dazu fuhren wir mit der Metro in einen Laden für Künstlerbedarf.

Als wir an der Station auf der Rolltreppe standen, fiel uns ein Mann mittleren Alters auf, der uns beobachtet. Oben sprach er uns an, ob wir Amerikaner seien. „Nein, wir kommen aus Berlin.“ Da strahlten seine Augen: „Ich war viele Jahre Soldat, jetzt bin ich Bauunternehmer. Ich will mich bei euch bedanken.“ „Wir haben Dir zu danken, antworteten wir“. Schließlich haben wir uns alle umarmt und gegenseitige gesegnet, was mir als Atheistem erstaunlich leicht fiel.

Was auf den Bildern im Netz relativ geräumig wirkte, entpuppte sich als kleines Lädchen im Souterrain mit entsprechendem Angebot, nicht zu vergleichen mit Boesner in Deutschland. Bei größeren Papierformaten gibt es keine Blöcke, man bezahlt für jedes einzelne Blatt. Das muss dann irgendwie verpackt werden. Den beiden Verkäuferinnen gelang das mit viel Frischhaltefolie. Es war ein Regentag. Dann ging es ans Bezahlen, und leider war das Kartenlesegerät defekt. Ich sollte irgendeine Kontonummer scannen, aber die Damen wussten nicht, dass ich nicht einfach von einem deutschen auf ein ukrainisches Konto überweisen kann, jedenfalls nicht ohne deutsche SIM-Karte. Also kratzten wir all unser Bargeld zusammen. Bei der großen Summe wollten wir natürlich eine Quittung. Oh, der Drucker ist grade kaputt! Wir blieben hartnäckig. Schließlich mailte die Chefin die Rechnung an irgendeinen Laden in der Nachbarschaft und kam nach einigen Minuten mit dem Ausdruck zurück.

Als wir bepackt mit unserer großen Rolle Papier die Metrostation betreten wollten, hielt uns eine nette Aufsichtsdame mit Bandmaß an, maß kurz und erklärte dann: „Mit dieser großen Rolle dürfen Sie nicht in die Metro!“ Da half kein Hinweis auf die offensichtliche Gefahrlosigkeit unserer Fracht. Vorschrift ist Vorschrift. Schließlich nahmen wir auf der Straße ein Auto. BOLT ist hier das preiswerteste Fortbewegungsmittel. Wo auch immer man in Kyiv hinfährt, es kostet nie über 10 €. Man bucht über eine App, die so ähnlich wie die Taxi-App in Berlin funktioniert, bezahlt im Voraus und weiß dann auch immer, was die Tour kostet. Bei Taxis erfährt man das erst am Ziel und muss sicherheitshalber aber irgendeinen Preis vorher aushandeln. Unser Chauffeur, ein junger Mann, fährt am Wochenende Auto und arbeitet ansonsten als Friseur. Es ist erstaunlich, dass sich die Fahrerei trotzdem für ihn lohnt.

Im Atelier haben wir uns erst mal ein wenig eingerichtet und begeistert den großen Raum inspiziert. Als wir ankamen, stand ein Fenster offen. Es ließ sich nur mit improvisierten Nägeln schließen. Bei anderen fehlten die Scheiben. Mal war nur eine halbe im äußeren Fensterflügel, dann war die am inneren Flügel zerbrochen. Mit herumliegender Noppenfolie und Klebeband haben wir alles notdürftig verschlossen. Winterfest ist diese Butze definitiv nicht. Die Fensterritzen waren mit Bauschaum zugekleistert, die äußeren Rahmen teils völlig verfault. Aber immerhin funktionierten die LED-Leuchten, die an der Decke unter den nicht mehr ganz intakten Neonröhren baumelten. Heizkörper und Rohre sind quietschgelb gestrichen, eigentlich eine Einladung, diese Form in der krassen Farbe für eine Installation aufzunehmen.

Unser Vorsaal. Sie werden platziert!
Besser erst mal beim Kommandanten anmelden
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You are welcome!
Glasermeister Norman
Eingentlich alles ganz gemütlich hier.

Wir hatten noch nichts gegessen. Auf dem Weg zur Metro setzten wir uns noch in ein winziges Cafe. Ins Gespräch kamen wir mit den Mädchen hinter der Theke und Oksana, die dort mit ihrem kleinen Sohn war, der ganz cool deutsch mit uns redete: „Habe ich im Kindergarten gelernt!“

Oksana und auch eines der Mädchen wollen im November nach Deutschland gehen, arbeiten und vor den Risiken ausfallender Energieversorgung fliehen. Oksana hatte ihren Mann in der Nähe im Krankenhaus besucht. Er ist der ukrainische Geschäftsführer eines deutschen Landmaschinenherstellers. Als der Krieg ausbrach, war die Familie gerade zu einem Kurzurlaub auf Zypern. Die deutschen Geschäftspartner boten sofort an: kommt nach Deutschland, wir geben Euch Wohnung und Arbeit. Aber ihr Mann beschloss, an die Front zu gehen. Er ist in Bachmut, da wo es immer noch am härtesten zugeht. Im Krankenhaus ist er wegen einer Routinesache, sagt Oksana. „Er hat gerade einen großen Orden bekommen. Wie verrückt ist das: nach dem Krieg wird er diesen Orden tragen an jedem Feiertag, so wie es einst mein Großvater tat.“

Oksana hat zehn Jahre in Moskau gelebt. Als sie zurückkam in die Ukraine, sagt sie, hat es ungefähr zwei Jahre gedauert, bis der Schutt aus russischer Propaganda aus ihrem Kopf war. Sie war selbst erstaunt, war sie doch Ukrainerin geblieben. Jetzt haben viele russische Freunde den Kontakt komplett abgebrochen. Ein Drittel glaubt den Mist von Putin, andere vermeiden politische Gespräche aus Angst vor Repressionen.

Abends waren wir in einer Bar, in der sich offenbar bevorzugt die Graffiti-Szene trifft, denn sie war innen wie außen bis in die letzte Ecke bunt beschmakelt und besprüht. So hat denn auch jeder einfach sein Signet auf der Tischplatte hinterlassen. Wir tranken Bier und einen sinnlos süßen Wodka. In die Runde gerieten wir über Hlib in Berlin. Alle am Tisch außer mir sind „writer“. Zwei arbeiten erfolgreich als professionelle Künstler und bemalen riesige Wände an Häusern und in Supermärkten. Einer hat sein Glück mit Bitcoin gemacht und rechtzeitig alles in Immobilien gewandelt. Er hofft, dass die Häuser nach dem Krieg noch stehen.

Kaum waren die letzten Getränke bestellt, mussten wir auch schon zahlen und das Lokal verlassen. Es war 22 h, ein Polizist mit Kalaschnikow streifte kurz an den Tischen entlang. Aber die Meute zog mit uns ein paar Straßen weiter, zu einer Bar, die auch schon halb geschlossen war. Die Drinks wurden raus auf die Straße gebracht, alle saßen lärmend auf der Fensterbank, standen auf dem Fußweg. Aus der Kaufhalle wurde Vodka geholt.

Doch gegen 23.30 h verstummten die Gespräche allmählich, Gäste schlichen davon, Autos rasten durch die Stadt, die Sperrstunde nahte, jeder musste noch irgendwie nach Hause. Wie weit sind wir eigentlich weg vom Quartier? Metro? Könnt ihr vergessen, fährt nicht mehr. Ok, wir fahren mit BOLT. Taxis, wurde uns gesagt, sind jetzt absurd teuer. Aber kein Fahrer weit und breit. Alles besetzt. Also stiefelten wir hektisch los. Die Straßen wurden leer, die Autos fuhren schneller. Menschen kamen uns nur vereinzelt entgegen. Eine gespenstische Szenerie. Wo ist eigentlich mein Reisepass? Verdammt, zu Hause im Rucksack. Vor einer Ampel hatte die Polizei eine Sperre mit Baken angelegt. Alle Autos wurden kontrolliert. Aber noch im akademischen Viertel waren wir unbehelligt zu Hause. Verdammter Krieg.

Verdammt, die Sperrstunde kommt.