Seume Tag 4 von Dresden nach Bad Gottleuba, 26 km

5. September 2022 ...

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Nach einem guten Frühstück bei meiner Cousine und einem sehr schönen Abend (sie hatte vorzüglich gekocht!), mit frisch gewaschener Wäsche, auch das habe ich ihr zu verdanken, ging es morgens nicht ganz so früh zunächst durch die Villengegend von Striesen und Blasewitz. Bald war ich auf dem Elberadweg, der schon erheblich frequentiert war von anstrengend dreiblickenden Joggern und zahllosen Radfahrer/innen.

In Laubegast nahm ich die Fähre ans andere Ufer und kam mit zwei weiteren Passagieren und dem Fährmann in ein freundliches Gespräch – über Seume, den keiner kannte. Einer der Passagiere hatte mir geraten, das andere Ufer zu wählen – ruhiger und landschaftlich etwas schöner. Aber vermutlich ist Seume am linksseitigen Ufer geblieben, zumindest schreibt er zu dieser Etappe nichts von Flussüberquerungen. Ich erspare mir so einen Umweg um das Gelände der Werft bei Laubegast und schneide eine große Schleife der Elbe ab. Tatsächlich ist der Treidelweg, den ich nun nehme, nichts für schnelle Fahrräder. Das Pflaster aus großen Sandsteinquadern dürfte weit mehr als hundert Jahre alt sein, zahnreiche der Steine enthalten eingeritzte Jahreszahlen, Buchstaben usw. Dafür habe ich leider kein Auge, denn mir steht die erste Bergetappe bevor.

Der Treidelweg ist tatsächlich sehr schön. Man ist immer am Fluss, und diesmal riecht es tatsächlich wieder etwas nach Meer und den Kräutern der noch feuchten Wiese. Generell habe ich den Eindruck, dass mein Geruchssinn schärfer geworden ist mit all der frischen Luft den ganzen Tag. Auf den Dörfern rieche ich von Weitem Kamine, Ställe, offene Küchenfenster, den frisch gebeizten Zaun…

Am Schloss Pillnitz kommt der erste Ausflugsdampfer die Elbe herauf. Die werden inzwischen mit Öl befeuert, und ich bin gespannt, ob man noch bis zum Schluss der Saison die Fahrpreise halten kann. Gestern Mittag beim Griechen war einfach ein Zettel in die Karte geklebt: „Alle Preise müssen wir um 10% anheben wegen gestiegener Kosten“. Der Aufschlag erschien dann händisch auf der Rechnung.

Vor Pillnitz fragte mich ein schwäbischer Radfahrer nach dem Weg. Er konnte sich zwischen den Elbufern nicht recht entscheiden. Er kam von Hamburg mit dem E-bike und wollte noch nach Prag. Der Mann war etwa in meinem Alter und hatte tapfer ein Zelt dabei.

Leider endete der schöne alte Treidelweg hinter Pillnitz im Gestrüpp. Nach Söbrigen ging es einen schmalen Weg auf der Uferböschung entlang, dann auf der Straße bis Birkwitz, dort vorbei an einem Baggersee durch den Wald. Eigentlich wäre schönes Wetter gewesen zum Baden. Aber ich fürchtete den Zeitverlust und aufgequollene Fußsohlen. Toi, toi, toi, auch heute noch alles ohne Blasen.

In der Neubausiedlung vor Pirna beobachte ich einen Skinhead am Glas Container. Aus seinem Autofenster stampft russischer Rap. Am Markt in Pirna gönne ich mir ein Stück Torte und schwarzen Tee. Vor allem aber nutze ich die Pause um ein wenig Strom zu tanken und mir das Gesicht zu waschen.

Hinter Pirna dann ging es langsam bergauf, nicht mit mir, sondern mit dem Weg. Vielleicht war es eine alte Poststraße oder tatsächlich ein gut ausgebauter Forstweg, der ziemlich gerade in langsamer Steigung durch den Wald führte. Vor Cotta finden sich Dämme alter Schmalspurbahnen, die wohl zu den Steinbrüchen in der Gegend gehörten und früher bis  hinab nach Pirna reichten. An einem Steinbruch vor Cotta habe ich leider den Weg verloren und einen kleinen Umweg gemacht. Frustriert folgte ich dann der Landstraße und landete auf ein alkoholfreies Nachmittagsbier ausgerechnet im Heidekrug, einem berüchtigten Dorfsaal welcher von der AfD regelmäßig zu schlimmen Veranstaltungen gemietet wird. Bekannt ist die Location für Höckes rechtsradikale Ausfälle schon vor Jahren. Bis Berggießhübel trabe ich entlang eine Straße und werde von rasenden Wochenendheimkehrern genervt. Dann habe ich noch einige Extrameilen bis Bad Gottleuba bewältigt und fand freundliche Aufnahme und die ersten tschechischen Knödel in Hillerts Hotel und Restaurant, das ich aber nur bedingt empfehlen kann, wenn man die Begegnung mit Rechtsradikalen nicht mag, wie ich dann am nächsten Tag erkennen musste.

Nun bin ich satt und erschöpft, so erschöpft dass mir ein wenig fröstelt. Aber alles ist gut.

Hier der Link zu Komoot.

Werft Laubegast
Pirna 1
Pirna 2
Pirna 3
Bei Cotta
Weg nach Bad Gottleuba

After a good breakfast at my cousin’s and a very nice evening (she had cooked excellently!), with freshly washed laundry, which I also owe to her, I set off in the morning, not quite so early, first through the villa area of Striesen and Blasewitz. Soon I was on the Elbe cycle path, which was already heavily frequented by strenuous three-eyed joggers and countless cyclists.

In Laubegast I took the ferry to the other bank and got into a friendly conversation with two other passengers and the ferryman – about Seume, whom nobody knew. One of the passengers had advised me to choose the other shore – quieter and more scenic. But presumably Seume stayed on the left bank, at least he doesn’t write anything about river crossings for this stage. I thus save myself a diversion around the shipyard site at Laubegast and cut off a large loop of the Elbe. In fact, the towpath I now take is not for fast bikes. The paving of large sandstone ashlars must be well over a hundred years old; many of the stones contain carved dates, letters, etc. I have no eye for this, unfortunately. Unfortunately, I don’t have an eye for that, because I’m about to start the first mountain stage.

The towpath is actually very beautiful. You’re always by the river, and this time it actually smells a bit like the sea again and the herbs of the still damp meadow. In general, I have the impression that my sense of smell has become sharper with all the fresh air all day. In the villages, I can smell chimneys, stables, open kitchen windows, the freshly stained fence… from afar.

At Pillnitz Palace, the first excursion steamer comes up the Elbe. They are now oil-fired, and I’m curious to see if they can keep up the fares until the end of the season. Yesterday at noon at the Greek restaurant, there was simply a note stuck on the menu: „We have to raise all prices by 10% due to increased costs“. The surcharge then appeared manually on the bill.

Before Pillnitz, a Swabian cyclist asked me for directions. He couldn’t quite decide between the banks of the Elbe. He was coming from Hamburg on an e-bike and wanted to get to Prague. The man was about my age and had bravely brought a tent.

Unfortunately, the beautiful old towpath ended behind Pillnitz in the undergrowth. After Söbrigen we took a narrow path along the embankment, then the road to Birkwitz, past a quarry pond through the forest. Actually, it would have been nice weather for a swim. But I feared the loss of time and swollen soles. Toi, toi, toi, still no blisters today.

In the new housing estate outside Pirna, I watch a skinhead at the glass container. Russian rap is blaring out of his car window. At the market in Pirna I treat myself to a piece of cake and black tea. But most of all I use the break to recharge my batteries and wash my face.

After Pirna, the road slowly climbed uphill, not with me, but with the road. Maybe it was an old post road or actually a well-maintained forest road that led fairly straight up a slow incline through the forest. Before Cotta, there are dams of old narrow-gauge railways, which probably belonged to the quarries in the area and used to reach down to Pirna. At a quarry before Cotta, I unfortunately lost my way and made a small diversions. Frustrated, I then followed the country road and ended up for a non-alcoholic afternoon beer at the Heidekrug, of all places, a notorious village hall that is regularly rented by the AfD for nasty events. The location was known for Höcke’s right-wing extremist outbursts years ago. Until Berggießhübel I trot along a road and am annoyed by speeding weekend returnees. Then I managed a few extra miles to Bad Gottleuba and found a friendly welcome and the first Czech dumplings at Hillert’s hotel and restaurant.

Now I am full and exhausted, so exhausted that I feel a little shivery. But all is well.