Tag 5 von Bad Gottleuba nach Usti nad Labem, 25 km

6. September 2022 ...

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5. September 2022. Nachdem ich gestern schon frustriert war, dass ich ausgerechnet in einem Lokal ein Nachmittagsbier trinke, in dem die AfD regelmäßig Brüllorgien veranstaltet, kommt mir doch heute im Frühstücksraum ein fetter Typ im schwarzen T-shirt entgegen, mit dessen Hilfe eher sich als “freier Sachse“, also als Mitglied einer rechtsextremen Splitterpartei zu erkennen gibt. Wenige Minuten später muss ich feststellen, dass sich eben dieser Hilfsgorilla mit weiteren Frühstücksgästen und auch der Bedienung des Hotels in gekünstelter Fröhlichkeit duzt. Mir schwillt der Kamm angesichts dieses Tagesanfangs. Und in meiner Fantasie nimmt die Aggression freien Lauf. Als ich längst im Wald bin, möchte ich dem Fettwanst hinterherrufen:

Beim nächsten Mal piss ich Dir auf den Tisch. Wenn du im Krematorium schmorst, möge Rauch in Regenbogenfarben aus dem Schornstein quellen und noch lange stehen bleiben. Ich spendiere dir eine Fettabsaugung! Aber ich werde die Pumpe manipulieren, dass sie nicht eher aufhört, als bis dein Schwanz für immer im Bauch verschwunden ist. Südlich von Bad Gottleuba gibt es ein Rückhaltebecken, leider wurde nichts zurückgehalten, aber man könnte dich gut darin ertrinken lassen.

Bad Gottleuba, dieses ganze Lost Country Ostsachsen, am besten superdicht mit Windrädern bepflanzen. Vielleicht wird so der Mief aus den Tälern gequirlt. Moorbadkur – hoffentlich ist im Moor der Anteil brauner Scheiße geringer als in den Kneipen. Von den Tschechen, lieber Gott, lass bitte noch einmal dicke Schwefelwolken aus den Tagebauen hier rüberwehen. Dass wenigstens der Wald abstirbt. Die Wegweiser in den Gegenden am besten abschrauben oder mit dicken weißen „Z“s übersprühen

So begann mein Tag. Und wenige Minuten später habe ich mich zum ersten Mal verlaufen auf der Suche nach einem Pfad, den es bei Komoot gibt, aber nicht in der Realität.

Heute bin ich nur ungefähr 25 Kilometer marschiert, aber ich musste hoch auf den Kamm des Erzgebirges über den Nollendorfpass und dann nach Usti wieder herabsteigen. Es war schwülwarm und ich habe immerzu geschwitzt. in Petrovice (Peterswald), dem alten Grenzort, habe ich Entenbraten mit Knödeln gegessen, dazu 2 alkoholfreie Bier, voll die Kaloriendröhnung. Statt mit Karte durfte ich mit Euro zahlen.

Der weitere Weg führt mich tatsächlich über die alte Poststraße, die wohl auch Seume mit seinen Begleitern genommen hat. Man hat schöne Ausblicke in die Landschaft. Die Kämme der Höhenzüge staffeln sich im Dunst, so dass man unmittelbar an die Tricks der Luftperspektive in Dürers Landschaften denken muss.

Nun laufe ich fast ein Viertel des Tages über gewöhnliche Landstraßen bei Gottseidank nicht zu starkem Verkehr. Dennoch habe ich meine signalgrüne Regenhülle über den Rucksack gezogen, um auf jeden Fall optisch aufzufallen.

Kurz vor Usti rät Komoot zum Verlassen der Straße. Wenig später klettere ich im Wald über eine Halde aus großen Gesteinsbrocken, um den versprochenen Pfad zu finden. In der Gegend gibt es nicht wirklich viele Wanderwege, und schon gar nicht ist der Wald von Schneisen durchzogen.

Vor Usti quert man durch eine kleine Unterführung die neue Autobahn. dann geht es über Feldwege und immer wieder durch kleine Eigenheimsiedlungen auf den Stadtrand von Usti zu. Die Tschechen werkeln an ihren Häusern am späten Nachmittag. Immerzu hört man das Kreischen von Trennschleifern, Rasenmäher, Heckenscheren.

Der Tag wird am Abend fröhlich gerettet: Jan K. empfängt mich mit seiner Frau und seinen 3 Kindern zu Nachtquartier und einem schönen Abendessen. Und hier lebt sie, die internationale Seume Gesellschaft. Wir reden über die anderen (nette und gebildete) Bürger Bad Gottleubas , die sich für den Erhalt kleiner Kirchen und Denkmäler in der dünn besiedelten alten Grenzregion einsetzen. Jan, mein Gastgeber, ist in zahllosen deutsch-tschechischen Projekten engagiert, spricht hervorragend deutsch und polnisch, kümmert sich um die Wiederherstellung einer kleinen barocken Kirchen, besitzt unzählige Bücher in verschiedenen Sprachen. Jeder erzählt in der Kürze der Zeit ein wenig von seinem Leben und seinen Interessen. Kunst spielt dabei eine große Rolle.

Für einen Fantastischen Ausklang des Tages sorgt Jan, als er seinen Bruder anruft, der mir innerhalb weniger Minuten ein Quartier in Czesky Brod zusagt. Dort werde ich am Samstagabend sein und gewiss wieder einen schönen Tag verbringen. Und dieses Glück reiht sich ein in einen Anruf eines anderen tschechischen Freundes, Ivan N., der mich einlud, mich morgen Abend am Endpunkt meine Etappe abzuholen und mir Quartier in seiner Wohnung in Theresienstadt zu geben. Von da wird er mich auch wieder zu dem Endpunkt der heutigen Etappe zurückfahren – so der Plan. Mal sehen, ob das klappt.

Die Tour auf Komoot hier.

Sterbender Wald bei Bad Gottleuba
In der Kammmregion des Erzgebirges
Blick auf Petrovice (Peterswald). Dort hatten Seume und seine Gefährten von Pirna kommend übernachtet.
Shop für deutsche Vorgärten in Petrovice
Gehöft auf dem Nollendorfpass, vermutlich ein altes Wirtshaus, in so einem Haus könnte auch Seume gespeist haben
Autowarck neben der Landstraße
Meine Abkürzung..
An der Autobahn vor Usti

The „Free Saxons“ at the Hotel Hilger.

After I was frustrated yesterday by the fact that I was drinking an afternoon beer in a pub where the AfD regularly organises orgies of shouting, today a fat guy in a black T-shirt comes to meet me in the breakfast room and helps me to identify himself as a „free Saxon“, i.e. as a member of an extreme right-wing splinter party. a few minutes later, I notice that this same auxiliary gorilla is talking to other breakfast guests and also the hotel waitress with artificial cheerfulness. My head swells at the start of this day. And in my imagination, aggression takes free rein. When I am long since in the forest, I want to shout after the fat man:

Next time I’ll piss on your table. When you burn in the crematorium, may smoke in rainbow colours pour out of the chimney and stay there for a long time. I’ll buy you liposuction! But I’ll rig the pump so that it won’t stop until your cock has disappeared forever into your belly. South of Bad Gottleuba there is a retention basin, unfortunately nothing was retained, but you could well be left to drown in it.

Bad Gottleuba, this whole Lost Country of East Saxony, best planted super-tight with wind turbines. Maybe that way the fug will be whisked out of the valleys. Moor spa – hopefully the amount of brown shit in the moor is less than in the pubs. From the Czechs, dear God, please let thick clouds of sulphur from the open-cast mines blow over here once more. That at least the forest dies. It would be best to unscrew the signposts in these areas or spray thick white „Z „s over them.

That’s how my day began. And a few minutes later I got lost for the first time looking for a path that exists on Komoot, but not in reality.

Today I only marched about 25 kilometres, but I had to go up to the crest of the Ore Mountains over the Nollendorf Pass and then down again to Usti. In Petrovice, the old border town, I ate roast duck with dumplings and two non-alcoholic beers, a real calorie booster. Instead of using a card, I was allowed to pay in euros.

The rest of the way actually takes me along the old post road, which Seume and his companions must have taken. There are beautiful views of the landscape. The ridges of the mountain ranges are staggered in the haze, so that one immediately has to think of the tricks of aerial perspective in Dürer’s landscapes.

Now I walk almost a quarter of the day on ordinary country roads with thankfully not too heavy traffic. Nevertheless, I have pulled my signal-green rain cover over my rucksack to be visually conspicuous in any case.

Shortly before Usti, Komoot advises me to leave the road. A little later I climb over a dump of large boulders in the forest to find the promised path. There aren’t really many hiking trails in the area, and the forest is certainly not criss-crossed by aisles.

Before Usti, you cross the new motorway through a small subway. Then it’s over field paths and repeatedly through small housing estates towards the outskirts of Usti. The Czechs are working on their houses in the late afternoon. The screeching of grinders, lawnmowers and hedge trimmers is always audible.

The day is happily saved in the evening: Jan K. welcomes me with his wife and 3 children for the night and a nice dinner. And here it lives, the international Seume Society. We talk about the other (nice and educated) citizens of Bad Gottleuba , who are committed to preserving small churches and monuments in the sparsely populated old border region. Jan, my host, is involved in countless German-Czech projects, speaks excellent German and Polish, is taking care of the restoration of a small baroque church, owns countless books in different languages. In the short time available, everyone tells a little about their lives and interests. Art plays a major role.

The day ends on a fantastic note when Jan calls his brother, who within a few minutes offers me accommodation in Czesky Brod. I will be there on Saturday evening and will certainly spend another beautiful day. And this good fortune was accompanied by a call from another Czech friend, Ivan N., who invited me to pick me up tomorrow evening at the end of my stage and to give me accommodation in his flat in Theresienstadt. From there he will also drive me back to the end of today’s stage – that’s the plan. Let’s see if that works out.