Tag 75 der Reise, von San Giacomo nach Terni, 24 km gewandert, 17 km getrampt

14. November 2022 ...

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14.11.2022

Heftiger Regen am Morgen. Und weil das das Gehen verlangsamt, bin ich schon kurz nach sieben losgelaufen, die ersten sechs Kilometer bis Spoleto in strömendem Regen. Einziger Vorteil: dass das Wetter regnerisch wird, war gleich am Morgen klar, und so zog ich in Regenzeug los. Abe rals ich in Spoleto ankam, waren die Stiefel schon nass. Italienische Straßen haben bekanntermaßen selten Fußwege. Heute durfte ich lernen, dass sie auch keine Entwässerung haben. So patscht man am Straßenrand durch die Pfützen oder das durchweichte Gras. Immerhin: die italienischen Autofahrer sind sehr rücksichtsvoll.

Vor Spoleto war ich noch im Supermarkt, denn das gebuchte Quartier war in einem Dorf mit zehn Häusern ohne Gastronomie und das Quartier ohne Frühstück. So kaufte ich denn Obst, ein richtiges dunkles Brot, Nüsse und Käse. Das schleppte ich dann den ganzen Tag mit mir herum.

In Spoleto habe ich beim Bäcker erst mal Station gemacht, was gegessen und draußen vor der Tür die Stiefel ausgezogen. Es hatte aufgehört mit regnen. Aber bei feuchter und nebeliger Luft hat das wenig gebracht, abgesehen von der Entspannung für die eingezwängten Füße.

Zu Spoleto schreibt Seume:

„Es ist ein großes, altes, dunkles, häßliches, jämmerliches Loch, das Spoleto; ich möchte lieber Küster Klimm zu Bergen in Norwegen sein, als Erzbischof zu Spoleto. Die Leute hier, denen ich ins Auge guckte, sahen alle aus wie das böse Gewissen; und nur mein Wirt mit seiner Familie schien eine Ausnahme zu machen. Deswegen habe ich mich auch keinen Deut um ihre Altertümer bekümmert, deren hier noch eine ziemliche Menge sein sollen. Aber alles ist Trümmer; und Trümmern überhaupt, und zumal in Spoleto, und überdies in so entsetzlichem Nebelwetter, geben eben keine schöne Unterhaltung. Über dem Tore, das man Hannibals Tor nennt, stehen die Worte in Marmor:

H A N N I B A L

CAESIS AD THRASYMENUM ROMANIS

INFESTO AGMINE URBEM ROMAN PETENS

AD SPOLETUM MAGNA STRAGE SUORUM REPULSUS,

INSIGNE PORTAE NOMEN FECIT.“

Ja, dem kann ich nicht wirklich widersprechen. Spoleto wirkt ein wenig demoliert. Immerhin die Platte mit dem Spruch über dem Tor habe ich gefunden. Ebenso das alte nach Westen gehende Stadttor, welches Seume sicherlich durchschritt.

Und dann musste ich mich bei erneut einsetzendem Regen wieder einige Kilometer neben den Leitplanken einer Fernstraße herumquälen. Endlich ging ein Weg seitwärts bergauf durch den Wald. Der traf nach einigen Kilometern wieder auf die dröhnende Fernstraße. Ich hatte aber das Glück, dass es auch noch die ursprünglich Passstraße aus den zwanziger Jahren gab, die fast ohne Verkehr in vielen Windungen durch das Tal führte in einigem Abstand zu der neu gebauten. Die sah ich immer mal wieder und ich sah so von unten auch manche marode Brücke, die mich an Genua denken ließ. Kurz vor Erreichen des höchsten Punktes der Tour, 690 m, ließ immerhin der Regen nach.

Seume schreibt zu diesem Teil des Weges – und auch dem kann ich nicht widersprechen:

„Ich Idiot glaubte, als ich in Foligno angekommen war, ich sei nun den Apennin durchwandelt: aber das ganze Tal des Klitumnus mit den Städten Foligno und Spoleto liegt in den Bergen; von Spoleto bis Terni ist der furchtbarste Teil desselben; und hier war ich wieder zu Fuße ganz allein… und immer die wilde Bergschlucht hinauf. Wo ich einkehrte unterhielt man mich überall mit Räubergeschichten und Mordtaten, um mir einen Maulesel mit seinem Führer aufzuschwatzen; aber ich war nun einmal hartnäckig und lief trotzig allein meinen Weg immer vorwärts. … Der Weg aufwärts von Spoleto ist noch nicht so wild und furchtbar als der Weg abwärts und weiter nach Terni. Das Tal abwärts ist zuweilen kaum hundert Schritte breit, rechts und links sind hohe Felsenberge, zwischen welche den ganzen Tag nur wenig Sonne kommt, mit Schluchten und Waldströmen durchbrochen. Dörfer trifft man auf dem ganzen Wege nicht, als auf der Spitze des Berges nur einige Häuser und ein halbes Dutzend in Strettura, dessen Name schon einen engen Paß anzeigt. Hier und da sind noch einige isolierte Wohnungen, die eben nicht freundlich aussehen, und viele alte, verlassene Gebäude, die ziemlich den Anblick von Räuberhöhlen tragen.“

Eben dieses Strettura war eigentlich mein Tagesziel. Die Gastgeber schrieben mir gegen Mittag, das Tor sei offen, und ich könne mein Auto in die Einfahrt stellen. Dann hinten die Treppe rauf zur Terrasse, wo die Tür offen sei. Die Terrasse dürfe ich selbstverständlich auch nutzen.

Das Tor stand aber nicht offen. Klingeln an der Tür und Klopfen half nicht. Mehrfach vergeblich angerufen, nur ein Anrufbeantworter, auf den ich immer wütendere Nachrichten sprach. Alles verrammelt. Textnachrichten wurden nicht beantwortet. Es war schon vier und ich entschloss mich, ein kleines Fristenultimatum von 15 Minuten zu setzen. In 45 Minuten wäre es zappenduster. Kein Bus, wenig Autos. Meine letzte Hoffnung war Trampen in das 17 km entfernte Terni, wo es eine gute Auswahl an Hotels gab.

Und ich hatte Glück: kaum war der Daumen draußen, hielt ein schwarzer SUV mit zwei älteren Herren, die mich bis nach Terni an den Bahnhof fuhren. So bin ich denn da, wo ich eigentlich erst morgen durchlaufen wollte, in Terni.

Und hier der Weg auf Komoot:https://www.komoot.de/tour/979640659?ref=wtd

Mein Quartier am Morgen
Die Felder sind überall von Kanälen durchzogen
Die Straße nach Spoleto
Das Stadttor mit dem Spruch zu Hannibal
Ein Schuster in seiner Werkstatt, sitzt da bestimmt auch schon seit 250 Jahren
Die Dächer von Spoleto
Spoleto, das dunkle Loch
Auf dem Weg nach Terni, unten im Tal die neue Straße
Die alte Passstraße
Alte und neue alte Böschungsmauer an der Passtraße
Unterwegs am Straßenrand, hat sich wohl verfahren…
Das östliche Stadttor von Terni

Day 75 of the trip, from San Giacomo to Terni, 24 km hiked, 17 km hitchhiked.

Heavy rain in the morning. And because that slows down walking, I set off shortly after seven, the first six kilometres to Spoleto in pouring rain. The only advantage: it was clear in the morning that the weather would be rainy, so I set off in my rain gear. But when I arrived in Spoleto, my boots were already wet. Italian roads are notorious for rarely having footpaths. Today I learned that they don’t have drainage either. So you have to paddle on the side of the road through the puddles or the sodden grass. Nevertheless, Italian drivers are very considerate.

Before Spoleto, I went to the supermarket, because the accommodation I had booked was in a village of ten houses without catering and the accommodation without breakfast. So I bought fruit, a real dark bread, nuts and cheese. I carried that around with me all day.

In Spoleto, I stopped at the bakery, ate something and took off my boots outside the door. It had stopped raining. But in the damp and foggy air, it didn’t do much good, apart from relaxing my cramped feet.

On Spoleto, Seume writes:

„It is a great, old, dark, ugly, miserable hole, Spoleto; I would rather be Sexton Klimm at Bergen in Norway than Archbishop at Spoleto. The people here I looked into the eyes of all looked like the evil conscience; and only my landlord with his family seemed to make an exception. That’s why I didn’t care a jot about their antiquities, of which there are supposed to be quite a lot here. But everything is in ruins; and ruins in general, and especially in Spoleto, and moreover in such dreadful foggy weather, do not make for pleasant entertainment. Above the gate called Hannibal’s Gate are the words in marble:
H A N N I B A L
CAESIS AD THRASYMENUM ROMANIS
INFESTO AGMINE URBEM ROMAN PETENS
AD SPOLETUM MAGNA STRAGE SUORUM REPULSUS,
INSIGNE PORTAE NOMEN FECIT.“

Yes, I can’t really disagree with that. Spoleto looks a bit demolished. At least I found the plate with the saying above the gate. As well as the old city gate facing west, which Seume surely passed through.

And then I had to struggle along the crash barriers of a trunk road for a few kilometres as the rain started again. Finally, a path went sideways uphill through the forest. After a few kilometres, it met up with the roaring main road again. I was lucky, however, that there was still the original pass road from the 1920s, which led almost without traffic in many twists and turns through the valley at some distance from the newly built one. I saw it from time to time and I also saw some dilapidated bridges from below, which made me think of Genoa. Shortly before reaching the highest point of the tour, 690 m, the rain let up.

Seume writes about this part of the trail – and I can’t disagree with that either:

„I idiot believed, when I arrived in Foligno, that I had now walked through the Apennines: but the whole valley of the Clitumnus, with the towns of Foligno and Spoleto, lies in the mountains; from Spoleto to Terni is the most terrible part of it; and here I was again on foot all alone… and always up the wild mountain gorge. Wherever I stopped, they entertained me with tales of robbers and murders in order to persuade me to take a mule with my guide; but I was stubborn and defiantly walked on alone, always forwards. … The way up from Spoleto is not yet as wild and terrible as the way down and on to Terni. The valley downwards is sometimes barely a hundred paces wide, to the right and left are high rocky mountains, between which there is little sunshine all day, interspersed with gorges and forest streams. There are no villages along the way, only a few houses on the top of the mountain and half a dozen in Strettura, whose name already indicates a narrow pass. Here and there are a few isolated dwellings that don’t look very friendly, and many old, abandoned buildings that look like robbers‘ dens.

This Strettura was actually my destination for the day. The hosts wrote to me around noon that the gate was open and I could park my car in the driveway. Then up the stairs to the terrace, where the door was open. Of course, I could also use the terrace.

But the gate was not open. Ringing the doorbell and knocking did not help. Called several times in vain, only an answering machine on which I spoke increasingly angry messages. Everything was barricaded. Text messages were not answered. It was already four and I decided to set a little deadline of 15 minutes. In 45 minutes, it would be all over. No bus, few cars. My last hope was to hitchhike to Terni, 17 km away, where there was a good selection of hotels.

And I was lucky: as soon as my thumb was out, a black SUV pulled up with two elderly gentlemen who drove me to the station in Terni. So there I am, where I actually wanted to walk through tomorrow, in Terni.