Tag 76 meiner Reise, von Terni nach Narni, 15 km

15. November 2022 ...

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15.11.2022

Mein rechtes Fußgelenk zickt ein wenig, und ab Mittag war Regen angesagt. Also bin ich keine so lange Strecke gegangen heute. Terni hat im Krieg ca. 100 Bombenangriffe abbekommen, weil es hier viel Industrie gab und gibt. Die Stadt hat daher ein wenig die Anmutung von Heilbronn: viel Schnellgebautes, Gutgemeintes. Mein Hotel war gefüllt mit Geschäftsleuten aus diversen Ländern, teils in Monteursklamotten.

Der kürzeste Weg nach Narni ist eigentlich die alte Via Flavinina. 2.200 Jahre alt, aber leider heute kaum noch begehbar. Ja, nicht begehbar, denn entfernt man sich von einer Gemeinde, teilt man sich die relativ enge Fahrbahn mit den Autos. Komoot leitet mich daher über die Felder, was aber bei den aufgeweichten Böden nicht immer ein Vergnügen ist.

Wo in Deutschland die Zäune mit Bannern behangen wären, die Umgehungsstraße fordernd, ist den Italienern alles egal, was eine Straße an Nachteilen bringt, so scheint es jedenfalls. Wäre ich noch ausreichend jung, würde ich in Italien einen Laden für Hörgeräte aufmachen und unter der Hand gleich noch Schlafmittel und Antidepressiva verkaufen, Hustensaft sowieso.

Die Via Flavinia ist Seumes und auch mein Weg eigentlich schon seit Rimini. Während Seume hier den Vorteil einer guten Infrastruktur und ein wenig Sicherheit genießen konnte und einfach immer nur geradeaus gehen musste, stehe ich immerzu vor der Wahl: Risiko, Lärm und Gestank – oder Umweg. An manchen Tagen waren die Umwege ja ganz nett, aber sie fressen Zeit. Mit Bedauern schaue ich oft auf die Kilometerangaben auf den Wegweisen an der Straße und vergleiche sie stirnrunzelnd mit denen meiner Wanderapp. Da hätte ich oft Lust, einfach die kurze Verbindung der Straße zu nehmen, bedaure das dann aber spätestens nach einigen Kilometern. Immerhin erklärt sich so aber, warum Seume ohne großes Kartenmaterial seinen Weg fand: zumindest in Italien musste er sich nur die Namen der alten Römerstraßen merken, er kannte sie vermutlich aus dem Lateinunterricht.

Die Italiener und die Umwelt – darüber habe ich heute ein wenig nachgedacht. Auf der ganzen Strecke durch Italien habe ich noch kein einziges Windrad gesehen, höchstens mal ein kleines auf privatem Grund. Das wird an den Windverhältnissen liegen, hier war es selbst an der Küste meistens windstill. Was das Zubauen von Landschaft betrifft, sind die Italiener auf keinen Fall zimperlich. Häufiger anzutreffen sind Solarpaneele. Auch habe ich schon Solarparks gesehen, die an Stelle von Weinreben die Südhänge bedecken.  Müll wird getrennt, jedenfalls stehen überall bunte Tonnen. Wild in der Landschaft entsorgtes Zeug, Zigarettenschachteln, Plastikflaschen, Bierdosen, Kühlschränke, Bauschutt usw. hält sich in etwa mit deutschen Verhältnissen die Waage. Trotzdem halten die Italiener Deutschland für ein saubereres Land.

Ein pakistanischer Kollege auf Arbeit meinte mal, in Sachen Klimatisierung sei Deutschland noch ein Entwicklungsland. Selbiges kann man in Italien bezüglich der Heizungen konstatieren. Neu gebaute Häuser haben oft eine Wärmedämmung, alte einfach dicke Mauern und weit auskragende Dächer.

Das Fahrrad, wichtiger Teil der deutschen Umweltpolitik, ist hier bestenfalls Spielzeug oder Sportgerät.  Wo soll man damit auch fahren, wenn nicht auf den Straßen im sonntäglichen Pulk der Carbonrenner? Als Verkehrsmittel wird es überwiegend von Migranten genutzt – so jedenfalls meine Beobachtung. Aber vereinzelt findet man in größeren Städten Stationen für Leihräder. Man fährt halt Auto, koste es was es wolle, und oft schneller als erlaubt, aber nicht unbedingt rücksichtlos, wenn man gefährliches Rasen nicht unter dieses Attribut subsumiert. Wo sollen die Italiener auch sonst rauchen und telefonieren? So etwas wie Abgasuntersuchungen scheint es nicht zu geben. Viele Karren qualmen und stinken. Aber man ist vereinzelt auch schon elektrisch unterwegs. Tankstellen gibt es zuhauf, und sie werden in der Regel ohne anwesendes Personal, also mit Vorkasseautomaten betrieben. Videoüberwachung gibt es sowieso an jeder Ecke, sogar auf den Olivenhainen, behaupten jedenfalls die Schilder dort. Und auch hierzulande hat die Jugend den elektrifizierten Tretroller als Mittel zum Fettwerden entdeckt.

In Narni habe ich mal wieder in einem schicken Haus aus dem Mittelalter Quartier. Es ist eine weitere Geheimtippstadt, mein Quartier sowieso. Vorhin bin ich durch die Gassen gelaufen auf der vergeblichen Suche nach Imprägnierspray, denn für morgen ist unterbrechungsfreier Regen angesagt.

Gestern habe ich übrigens die 2.000er-Marke geknackt. So viele Kilomter habe ich jetzt auf der Uhr, davon mehr als 1.700 getippelt.

Und hier der Weg auf Komoot: https://www.komoot.de/tour/980077385?ref=wtd

Was noch steht in Terni
Tja, der Krieg, jetzt von Investoren geführt
Die katholische Kirche ist in Italien eine eigene Industrie. Und manchmal sehen auch die Bauten so aus.
Das Kind hinter diesem Gitter wird ganz im Geiste der Via Flavinia erzogen.
Sind die Italiener tierlieb?
Von einer Anhöhe auf halbem Weg. Blick Richtung Terni
Manchmal haben die Flüsse in Italien große Freiheit, manchmal sind sie von Beton gerahmt. Ein Kanal, der Wasser von der Nera zu einem Speicherbecken führt.
Ein mittelalterliches Stadttor von Narni, Seumes Weg
Narni, Altstadt

Day 76 of my journey, from Terni to Narni, 15 km.

My right ankle is a bit twitchy and rain was forecast from midday. So I didn’t walk such a long distance today. Terni was bombed about 100 times during the war, because there was and is a lot of industry here. The city therefore has a bit of a Heilbronn feel to it: a lot of fast-built, well-intentioned stuff. My hotel was filled with business people from various countries, some of them dressed as mechanics.

The shortest way to Narni is actually the old Via Flavinina. 2,200 years old, but unfortunately hardly walkable today. Yes, not walkable, because if you move away from a community, you share the relatively narrow lane with the cars. Komoot therefore guides me across the fields, which is not always a pleasure given the soggy ground.

Where in Germany the fences would be hung with banners, demanding the bypass, the Italians don’t care about the disadvantages of a road, or so it seems. If I were still young enough, I would open a shop for hearing aids in Italy and sell sleeping pills and antidepressants under the table, and cough syrup anyway.

The Via Flavinia has been Seume’s and my path since Rimini. While Seume was able to enjoy the advantage of a good infrastructure and a bit of safety and just had to go straight ahead, I am constantly faced with the choice: risk, noise and stench – or diversions. Some days the detours were quite nice, but they eat up time. I often look with regret at the kilometre indications on the road signs and compare them frowningly with those on my hiking app. I often feel like just taking the short road connection, but then regret it after a few kilometres at the latest. At least this explains why Seume found his way without much map material: at least in Italy he only had to remember the names of the old Roman roads, he probably knew them from his Latin lessons.

The Italians and the environment – I thought about that a bit today. On the whole route through Italy I haven’t seen a single wind turbine, at most a small one on private land. That must be due to the wind conditions, here it was mostly windless even on the coast. When it comes to building on the countryside, the Italians are by no means squeamish. Solar panels are more common. I have also seen solar parks covering the southern slopes instead of vines. Rubbish is separated, at least there are colourful bins everywhere. The amount of rubbish, cigarette packets, plastic bottles, beer cans, fridges, building rubble, etc. that is dumped wildly in the landscape is about the same as in Germany. Nevertheless, Italians think Germany is a cleaner country.

A Pakistani colleague at work once said that Germany is still a developing country when it comes to air conditioning. The same can be said for heating in Italy. Newly built houses often have insulation, old ones simply have thick walls and overhanging roofs.

The bicycle, an important part of German environmental policy, is at best a toy or sports equipment here. Where is one supposed to ride it, if not on the streets in the Sunday throng of carbon racers? As a means of transport, it is mainly used by migrants – at least that is my observation. But occasionally you can find stations for rental bikes in larger cities. People drive cars, whatever the cost, and often faster than the speed limit, but not necessarily recklessly, if you don’t include dangerous speeding under this attribute. Where else are Italians supposed to smoke and talk on the phone? There doesn’t seem to be such a thing as exhaust emission tests. Many cars smoke and stink. But there are already a few electric cars on the road. There are plenty of petrol stations, and they are usually operated without staff present, i.e. with prepayment machines. There is video surveillance on every corner anyway, even in the olive groves, or so the signs there claim. And in this country, too, young people have discovered the electrified scooter as a means of getting fat.

In Narni, I once again stay in a chic house from the Middle Ages. It’s another insider’s tip, and my place to stay anyway. Earlier, I walked through the alleys in vain search of waterproofing spray, because rain is forecast for tomorrow without interruption.