Tag 84 der Reise, von Terracina nach Fondi, 22 km

24. November 2022 ...

23.11.2022, english below

Wen die Welle von oben kommt, hilft auch das beste Imprägnierspray nichts. Ganz wie Seume bin ich nicht den Wanderweg über die Berge gegangen, sondern brav auf der Via Appia, die hier entlang der Küste verläuft.

„Der Morgen war frisch und schön, als wir Anxur verließen, der Wind stark und die Brandung hochstürmend, so daß ich am Strande eingenetzt war, ehe ich daran dachte. Die Wogen schlugen majestätisch an den steilen Felsen herauf.“

Genau so war es. Die Wogen schlugen ab und zu mal auf die Straße, die hier glücklicherweise nicht stark befahren ist. Ansonsten das Übliche: kein Fußweg aber Leitplanken. Da heute ein sonniger Tag war, wollte ich gern ein stück am Strand laufen. Laut Karte sollte das etwa einen Kilometer hinter Terracina möglich sein. Aber wenn man nicht durch eine hohe Stützmauer, Zäune oder andere Mauern von Strand getrennt ist, kommt man da nicht einfach hin von der Straße.

An einem Campingplatz dann endlich ein Durchgang. Eine zufällig anwesende Mitarbeiterin fragte ich, ob man am Strand Richtung Rio Claro gehen könne. Klar ginge das, meinte sie, hat es aber offenbar noch nie selbst probiert.

Das Meer hat hier den Strand erheblich erodiert. Ich ging an einer Mauer mit einem Zaun entlang, war aber doch nicht weit genug weg, denn irgendwann schwappte eine Welle in die Stiefel, kein Entrinnen gab es. Doch machte ich es wieder wie Seume vor Terracina:

„Wenn man naß ist, muß man laufen…“ sagt er da zu seinem französischen Begleiter, der sich vor dem Regen verstecken wollte.

Aber ich kam nicht weit in meinen nassen Stiefeln, den vor mir tauchte ein ziemlich breiter Bach auf, der sich ins Meer ergoss. Den ging ich ein Stück hinauf, so dass der Wasserstand nicht noch zusätzlich durch die Brandung erhöht wurde, zog Schuhe und Socken aus und watete durch. Damit bin ich ja eigentlich etwas vorsichtig, aber das Wasser war klar, am Grund lagen runde Kiesel und meine Füße sind schon seit geraumer Zeit ohne Blasen.

Nun ging es ganz romantisch barfuß weiter am Strand lang bis das nächste Hindernis auftauchte. Was von weitem aussah wie eine steinerne Buhne, entpuppte sich als ziemlich breiter Fluss. Ich war am Rio Claro angekommen. Den hätte man höchstens schwimmend überwinden können, und der Weg zur Brücke war mir barfuß zu weit.

In solchen Fällen ist es ein Segen, wenn man ein zweites Paar Schuhe dabeihat.

Aber auch sonst blieb mir nur die Straße, denn es gibt nur ab und zu einen Durchgang durch die Grundstücke zum Strand. Der Strand selbst ist trockenen Fußes nicht passierbar, weil die Brandung sehr dicht an die Bebauung heranreicht. Von daher lobe ich mir meine Ostsee, wo diese Unsitte, Strände mit Privatgrundstücken abzuriegeln zum Glück nicht so verbreitet ist. Aber vielleicht räumt das Meer all diese Hindernisse in den nächsten Jahrzehnten weg.

Nach etwa 8 km konnte ich die Via Appia, der ich weitgehend folgte, verlassen,  und bewegte mich nun entlang des Canale Santa Anastasia. Das ist ein Teil des großen Entwässerungssystems, mit dem die Landbucht vor Fondi, die zu Seumes Zeiten noch sumpfig war, trockengelegt wurde. Es enthält noch heute große Pumpwerke. Das so gewonnene Land ist sehr fruchtbar. Es gibt große Gewächshauskomplexe und in der ganzen Region dominiert die Landwirtschaft.

Interessant ist es, wenn man auf den Feldern Menschen mit Fahrrad und Turban sieht. Offenbar haben hier zahlreiche Migranten Jobs gefunden. Auch in Fondi, dem Ziel meiner Reise, ist eine indische Community oder eine solche aus Bangladesh sichtlich präsent.

Auf den Dämmen, auf denen ich ging, war nach dem gestrigen Regen ein ständiger Pfützenslalom gefragt. Mich hat in der Abgeschiedenheit – heute habe ich kaum Siedlungen durchquert – aber auch der Umgang gerade der in der Landwirtschaft Tätigen, die zumindest in Deutschland immer wieder betonen, welch wichtigen Beitrag sie zur Erhaltung der Kulturlandschaft leisten, mit der Natur enttäuscht. Es lag derart viel Müll und Unrat in der Gegend herum, dass es einem wirklich auffallen musste. Was mich dabei immer am meisten betrübt, ist der Umstand, dass die Leute an dieser Unsitte offenbar täglich gleichgültig vorbeifahren. Da liegen irgendwelche Müllhaufen, besonders Plastikmüll vor irgendeiner Grundstückseinfahrt, und den Eigentümer scheint das nicht zu stören. Von kaputten Gewächshäusern fliegt Folie herum, alte Bewässerungsschläuche und Schutt aller Art ist in den Wegen festgefahren, das Wasser der Kanäle und Gräben ist mehr als trüb.

Fondi hat mich heute Abend mit einer merkwürdigen Stimmung gefesselt: es hat etwas von Weihnachtsmarkt. Auf den weiträumig für Autos gesperrten Straßen der Altstadt stehen Leute in Gruppen redend beieinander, man schlendert gelassen, überall leuchtet Weihnachtsdeko. Aber vielleicht ist das nur Einbildung, weil ich heute von meinen Kollegen aus Leipzig im Verteiler auch zum gemeinsamen Weihnachtsmarktbesuch eingeladen wurde. Das passt so gar nicht zu Strand, kurzen Hosen und T-shirt.

Die Tour auf Komoot: https://www.komoot.de/tour/984187728?ref=wtd

Im Stadtzentrum von Terracina mit Blick auf den Jupitertempel oben auf dem Berg
Das Tor Richtung Neapel, zu Seumes Zeiten die Grenze zwischen dem Kirchenstaat und dem Königreich Neapel
Die Via Appia verläuft dicht an der Küste. Auch heute noch kann man nass werden von der Brandung
Der Strand des Verderbens (nasse Stiefel)
Am Rio Claro findet man noch Reste einer alten Drehbrücke
Die Via Appia zwischen Ferienressorts 7 km hinter Terracina
Das Meer holt sich zurück, was der Mensch zubaut
Die Ebene nach Fondi war früher ein Sumpfgebiet
Die Italiener und die Umwelt .. .am Canale Santa Anastasia
Seume erwähnte Wasserbüffel. Es gibt sie noch heute
Nicht immer läuft die Landwirtschaft erfolgreich. Für mich blieben noch ein paar Kirschtomaten zu ernten
Die neue Industrie. Gewächshäuser – so hoch, dass man problemlos mit dem Traktor hindurchfahren kann
Mein Rastplatz. Mal kurz die Füße hochlegen…
Pfützenslalom auf dem Damm
Fondi mit Weihnachtsdeko und Trauerfeier
Eine typische Gasse in der Altstadt von Fondi

If the wave comes from above, even the best waterproofing spray is of no help. Much like Seume, I did not take the hiking trail over the mountains, but dutifully followed the Via Appia, which runs along the coast here.

„The morning was fresh and beautiful when we left Anxur, the wind strong and the surf pounding high, so that I was wetting the beach before I thought of it. The waves beat majestically up the steep cliffs.“

That’s exactly how it was. The waves occasionally hit the road, which fortunately is not heavily traveled here. Otherwise, the usual: no footpath but guardrails. Since today was a sunny day, I wanted to walk a piece on the beach. According to the map this should be possible about one kilometer behind Terracina. But if you are not separated from the beach by a high retaining wall, fences or other walls, you can’t just get there from the road.

At a campground then finally a passage. I asked an employee who happened to be there if it was possible to walk along the beach in the direction of Rio Claro. Sure, she said, but obviously she has never tried it herself.

The sea has eroded the beach here considerably. I walked along a wall with a fence, but was not far enough away, because at some point a wave sloshed into my boots, there was no escape. But I did it again like Seume before Terracina:

„When one is wet, one must run…“ he says there to his French companion, who wanted to hide from the rain.

But I didn’t get far in my wet boots, because in front of me a rather wide stream appeared, which poured into the sea. The I went up a bit, so that the water level was not additionally increased by the surf, took off shoes and socks and waded through. I’m actually a bit cautious with this, but the water was clear, round pebbles lay at the bottom and my feet have been without blisters for quite some time.

Now it went quite romantic barefoot further along the beach until the next obstacle appeared. What looked from afar like a stone groyne, turned out to be a fairly wide river. I had arrived at the Rio Claro. At most, I could have crossed it by swimming, and the way to the bridge was too far for me barefoot.

In such cases it is a blessing to have a second pair of shoes.

But even otherwise, I was left only with the road, because there is only now and then a passage through the properties to the beach. The beach itself is not passable on dry feet, because the surf is very close to the development. I therefore praise my Baltic Sea, where this bad habit of sealing off beaches with private properties is fortunately not so widespread. But perhaps the sea clears all these obstacles away in the next decades.

After about 8 km I was able to leave the Via Appia, which I largely followed, and was now moving along the Canale Santa Anastasia. This is part of the great drainage system that drained the land bay off Fondi, which was still marshy in Seume’s day. It still contains large pumping stations. The land thus obtained is very fertile. There are large greenhouse complexes and agriculture dominates throughout the region.

It is interesting to see people with bicycles and turbans in the fields. Apparently, many migrants have found jobs here. In Fondi, the destination of my trip, an Indian community or one from Bangladesh is also visibly present.

On the embankments where I walked, a constant puddle slalom was required after yesterday’s rain. I was disappointed in the remoteness – today I hardly crossed any settlements – but also in the way especially those working in agriculture, who at least in Germany always emphasize what an important contribution they make to the preservation of the cultural landscape, deal with nature. There was so much garbage and garbage lying around in the area that you really had to notice it. What always saddens me most is the fact that people seem to drive past this bad habit indifferently every day. There are piles of garbage, especially plastic garbage, lying in front of some driveway, and the owner doesn’t seem to mind. Foil flies around from broken greenhouses, old irrigation hoses and debris of all kinds is stuck in the paths, the water of the canals and ditches is more than murky.

Fondi captivated me tonight with a strange atmosphere: it has something of a Christmas market. On the streets of the old town, which are widely closed to cars, people stand together in groups talking, one strolls serenely, Christmas decorations shine everywhere. But maybe that’s just my imagination, because today I was invited by my colleagues from Leipzig in the distribution list to visit the Christmas market together. That doesn’t go with the beach, shorts and T-shirt.