13.09.2022, Tag 13 der Reise – von Kolin nach Caslav, 26 km

13. September 2022 ...

english below the pictures

Heute habe ich keine so lange Strecke zurückgelegt, es war meine 11. Etappe zu Fuß. Mit gemächlichen 4,7 km/h bin ich dahingeschliichen. Heute wollte ich meine Füße etwas schonen.  Tatsächlich verhält sich das durch Arthrose geschädigte Gelenk des linken Fußes erfreulich ruhig. Nur die Blasen nerven. Ich habe mehr Pausen gemacht als sonst. Das Gelände war durchgehend flach. Auch bin ich relativ viel auf asphaltierten Nebenstraßen gegangen. Man sagt ja immer, Wald- oder Feldwege seien besser für die Füße. Das mag grundsätz stimmen. Mir jedoch tut es gut, wenn ich die Füße auf ebenem Grund gleichmäßig und kontrolliert aufsetzen kann. Die Legende vom weichen Waldboden stimmt ohnehin nicht mehr, denn oft sind auch die Wege durch den Wald festgefahren oder gar mit Schotter bedeckt.

Kolin hat eine schöne Altstadt. Ich habe mich nicht so lange mit den barocken Fassaden am Markt aufgehalten, bin noch einmal auf einen Hügel zur sehr alten gotischen Stadtkirche hinaufgestiegen.

Der Weg aus der Stadt hinaus führte wie so oft zunächst durch Industriegebiete, Lagerhallen und Großmärkte. Bald schon wurde die Siedlungsstruktur dörflich, und ich war auf endlosen Maisfeldern unter einem grauen Himmel unterwegs. Menschen begegneten mir kaum. Stattdessen dröhnte der Himmel fast den ganzen Tag von Düsenjägern, die von dem bei Caslav gelegenen Fliegerhorst gefühlt alle 10 Minuten donnernd aufstiegen. Das war ein merkwürdiges Gefühl, denn natürlich musste ich viel an die Ukraine denken.

Auf den Dörfern wird erstaunlich viel gebaut. Überall sind Handwerker mit Neubauten beschäftigt. Die Zahl der dem Verfall überlassenen Häuser scheint geringer zu sein als zum Beispiel in Sachsen-Anhalt oder Brandenburg. An einigen der Neubauten sieht man Wärmepumpen. Solarkollektoren sind hingegen die absolute Ausnahme. Und wenn ich in den letzten Tagen 2 Windräder gesehen habe, ist das viel. Entweder ist die Gegend zu windstill oder die Tschechen stehen nicht so auf erneuerbare Energie. Am Ortseingang von Caslav habe ich hier zum ersten mal einen großen Solarpark gesehen, gleich neben einer gewaltigen überirdischen Müllhalde, die zu einem imposanten Hügel aufgetürmt war.

Das einzige Restaurant an der Strecke, in  Nove Dvory war leider geschlossen. Aber immerhin hatte ein Café geöffnet, in dem ich eine große Kanne Schwarztee bekam und drei kleine Törtchen.

Hier findet man übrigens an jeder Ecke, auf jedem kleinen Platz Heiligenbilder, Pestsäulen, Kruzifixe. Die Kirchen und Kapellen sind fast durchweg saniert. Seume hätte wie damals vor 200 Jahren wohl auch heute zu klagen angesichts der fortwährenden visuellen Machtdemonstration der Kirche.

Seume schreibt zu meiner heutigen und gestrigen Strecke:

Es war ein schöner, herrlicher, frischer Morgen, als wir durch Kolin  und durch die Gegend des Schlachtfeldes gingen . Daun wußte alle seine Schlachten mit vieler Kunst zu Postengefechten zu machen, und Friedrich erfuhr mehr als einmal das gewaltige Genie dieses neuen Kunktators. Wäre er bei Torgau nicht verwundet worden, es wäre wahrscheinlich eine zweite Auflage von Kolin gewesen. Die Gegend von Kolin bis Czaßlau kam mir sehr angenehm vor; vorzüglich geben die Dörfer rechts im Tale einen schönen Anblick. Die vorletzte Anhöhe vor Czaßlau gewährt eine herrliche Aussicht, rechts und links, vorwärts und rückwärts, über eine fruchtbare mit Dörfern und Städten besäete Fläche. Mich deucht, es wäre hier einer der besten militärischen Posten, so leicht und richtig kann man nach allen Gegenden hinabstreichen: und mich sollte es sehr wundern, wenn der Fleck nicht irgendwo in der Kriegesgeschichte steht. Nicht weit von Kolin aß ich zu Mittag in einem Wirtshause an der Straße, ohne mich eben viel um die Mahlzeit zu bekümmern. Meine Seele war in einer eigenen sehr gemischten Stimmung, nicht ohne einige Wehmut, unter den furchtbaren Szenen der Vorzeit; da tönte mir aus einer Ecke des großen finstern Zimmers eine schwache, zitternde, einfach magische Musik zu. Ich gestehe Dir meine Schwachheit, ein Ton kann zuweilen meine Seele schmelzen und mich wie einen Knaben gängeln. Eine alte Böhmin saß an einem helleren Fenster uns gegenüber und trocknete sich die Augen, und ein junges, schönes Mädchen, wahrscheinlich ihre Tochter, schien ihr mit Mienen und Worten sanft zuzureden. Ich verstand hier und da in der Entfernung nur einiges aus der Ähnlichkeit mit dem Russischen, das ich, wie Du weißt, ehemals etwas zu lernen genötigt war. Die Empfindung bricht bei mir selten hervor, wenn mich nicht die Humanität allmächtig hinreißt. Ich helfe wo ich kann; wenn ich es nur öfter könnte. Der Ton des alten Instruments, welches ein goldhaariger junger Kerl in dem andern dunkeln Winkel spielte, mochte auf die Weiberseelen stärker wirken, und ihre eigentümliche Stimmung lebendiger machen. Es war nicht Harfe, nicht Laute, nicht Zither; man konnte mir den eigentlichen Namen nicht nennen; am ähnlichsten war es der Russischen Balalaika.

Meine Pension habe ich in Caslav direkt am Markt. Preiswert und gut übernachte ich hier für ca. 30 € inkl. Frühstück. Draußen ist jetzt um 19 h allerdings noch permanenter Autolärm. Eigentlich hatte ich auf gute tschechische Küche gehofft. Aber rund um den Markt gibt es nur Pizza, Asiatisches und Döner.

Zum Schluss noch was zu meiner Spendenaktion. Bisher ist da folgendes zusammengekommen:

Übernachtung in Mügeln: 44 statt 70 €, mach 26 € für die Ukraine

Meißen leider mehr als 70 €, ebenso in Bad Gottleuba

Vier kostenlose Übernachtungen bei friends und familiy: macht 280 €. Vielen Dank dafür an Kristin, Jan, Ivan und Jiri!

In Prag hat meine Frau drei Übernachtungen bezahlt, macht noch mal 210 €.

Gestern hat die Pension 40 € gekostet, heute 30 €. Daher gehen noch mal 30 bzw. 40 € an die Ukraine.

Macht dann nach 13 Reisetagen in Summe schon mal stolze 586 €! Vielleicht wollt ihr als Honorar fürs Lesen und Bilder gucken auch ein paar Euro rüberschieben? Würde mich freuen!

Und hier der Link zu Komoot für die Tour.

Am Markt in Kolin, hätte Seume so auch gesehen haben können.
Blick vom Hügel der Stadtkirche in Richtung Elbe. Rechts das Museum für Paul Woityla
Feld östlich von Kolin
Eigentlich habe auch vertrocknete Sonnenblumen was Schönes
Altes Haus in altem Dorf
Am Horizont ein bömisches Dorf
In Nowy Dvor
Bei dieser Art der Pflasterung der Hofeinfahrt kann man sich immer besonders freuen, dass es nicht mehr weit nach Hause ist.
Blick zur Deponie bei Caslav
Der Markt in Czaslav. Viel Pflaster, spärlicher Baumbestand.

Today I didn’t cover such a long distance, it was my 11th stage on foot. I was walking along at a leisurely 4.7 km/h. Today I wanted to take it easy on my feet.  In fact, the joint of my left foot, which is damaged by arthrosis, is behaving pleasantly calmly. Only the blisters are annoying. I took more breaks than usual. The terrain was flat throughout. I also walked relatively much on asphalted side roads. People always say that forest or field paths are better for the feet. That may be true in principle. For me, however, it’s good to be able to put my feet down evenly and in a controlled manner on flat ground. The legend of the soft forest floor is no longer true anyway, because often the paths through the forest are also bogged down or even covered with gravel.

Kolin has a beautiful old town. I didn’t linger so long with the baroque facades at the market, climbed up one more hill to the very old Gothic town church.

The way out of the city led, as so often, first through industrial areas, warehouses and wholesale markets. Soon the settlement pattern became village-like and I was on my way through endless maize fields under a grey sky. I hardly encountered any people. Instead, the sky was droning with jet fighters almost the whole day, thundering up from the air base near Caslav seemingly every 10 minutes. It was a strange feeling, because of course I had to think a lot about Ukraine.

There is an amazing amount of construction going on in the villages. Everywhere craftsmen are busy with new buildings. The number of houses left to decay seems to be lower than in Saxony-Anhalt or Brandenburg, for example. Heat pumps can be seen on some of the new buildings. Solar collectors, on the other hand, are the absolute exception. And if I’ve seen 2 wind turbines in the last few days, that’s a lot. Either the area is too windless or the Czechs aren’t that into renewable energy. At the entrance to Caslav, I saw a large solar park here for the first time, right next to a huge above-ground rubbish dump piled up into an imposing hill.

The only restaurant on the route, in  Nove Dvory was unfortunately closed. But at least a café was open, where I got a big pot of black tea and three small cupcakes.

By the way, here you can find images of saints, plague pillars, crucifixes on every corner, in every little square. The churches and chapels have almost all been renovated. Seume would probably have to complain today, as he did 200 years ago, in view of the

I stay here cheaply and well for about 30 € including breakfast. Outside at 7 p.m. there is still permanent car noise. I had actually hoped for good Czech cuisine. But around the market there is only pizza, Asian food and kebab.

Finally, something about my fundraising. So far, here’s what I’ve come up with:
Overnight stay in Mügeln: 44 instead of 70 €, making 26 € for Ukraine
Meißen unfortunately more than 70 €, likewise in Bad Gottleuba
Four free nights at friends and familiy: makes 280 €. Many thanks for this to Kristin, Jan, Ivan and Jiri!

In Prague, my wife paid for three nights, making another €210.
Yesterday the pension cost 40 €, today 30 €. So another €30 and €40 go to Ukraine.

After 13 days of travelling, that makes a total of 586 €! Maybe you would like to donate a few euros as a fee for reading and looking at the pictures? I would be happy.

Seume writes about my route today and yesterday:

It was a beautiful, glorious, fresh morning as we walked through Kolin and around the battlefield. Daun knew how to make all his battles into post battles with much art, and Friedrich experienced more than once the tremendous genius of this new cunktator. Had he not been wounded at Torgau, it would probably have been a second edition of Kolin. The area from Kolin to Czaßlau seemed very pleasant to me; especially the villages on the right in the valley are a beautiful sight. The penultimate hill before Czaßlau affords a magnificent view, to the right and left, forwards and backwards, over a fertile area dotted with villages and towns. It seems to me that this is one of the best military posts, so easily and correctly can one sweep down to all areas: and I should be very surprised if the spot is not somewhere in the history of war.

 

Seume schreibt zu meiner heutigen und gestrigen Strecke:<