312 km – neues Projekt begonnen – a new project started

2. Juli 2020 ...

(english text below)

Lützschena (Leipzig) Radefelder Weg, 1981

Vor ziemlich genau 39 Jahren hatte ich aus Abenteuerlust und Neugier auf mein Land die Idee einer Wanderung von Leipzig nach Schwerin. Schwerin hatte ich nur deshalb ausgewählt, weil ich diese Stadt noch nicht kannte. Damals habe ich versucht, entlang einer mit dem Lineal gezogenen Linie zu laufen. Das war natürlich nur bedingt möglich. Tagebaue, Flüsse und Sperrgebiete forderten manchen Umweg. Die damals gemessenen 312 km habe ich in neun Tagen bewältigt.

In diesem Sommer habe ich versucht, die Wanderung von damals zu wiederholen. Vorlage war ein ausführliches Wandertagebuch mit Wegeskizzen, einigen Fotografien und zahlreichen Erlebnisberichten, welches ich vor 39 Jahren nach dem Ende der Wanderung geschrieben hatte.

Jetzt wollte ich wissen: wie haben sich Landschaft und Menschen in den fast vier Jahrzehnten verändert?

Ich bin nicht exakt den gleichen Weg gelaufen. Diverse Routenplaner haben mir zum Teil kürzere, oft auch angenehmere Wege empfohlen. War das Laufen neben einer Fernverkehrsstraße damals aufgrund des geringen Verkehrs kein großes Problem, muss man heute hoffen, dass es neben der Piste einen Rad- oder Fußweg gibt. So bin ich denn insgesamt ca. 320 km auf den Beinen gewesen. Und das, obwohl ich die letzte Etappe von Parchim nach Schwerin ausgelassen habe.

Zuletzt haben meine Füße einfach nicht mehr mitgemacht, trotz besten Schuhwerks und einem lastenfreien Rücken. Tagelang Temperaturen knapp unter 30°C und zahlreiche Blasen hatten zu einen schwer zu ertragenden Dauerschmerz geführt. Die Reise brachte aber auch eine Enttäuschung: vor 39 Jahren waren die Menschen aufgeschlossen, neugierig und hilfsbereit. Jetzt sind sie oft wortkarg. Bekam ich damals problemlos eine Lagerstatt für die Nacht angeboten, war die tägliche Quartiersuche oft eine Herausforderung. Fast alle Dorfkneipen hatten mit CoVid-19 den Todesstoß erfahren, wenn sie denn nicht schon Jahre zuvor geschlossen wurden. Kein einziger Dorfkonsum stand für Versorgung oder das ein oder andere Gespräch offen, kaum noch Imbissbuden an den Kreuzungen der großen Straßen, hohe Tore und blickdichte Einfriedungen an den Gehöften.

So habe ich denn ganz überwiegend die Landschaft fotografiert. Und vor allem die Himmel. Deutschland ist eines der am dichtesten besiedelten Länder. Trotzdem gibt es im Osten riesige Flächen auf denen kein einziges Haus steht. Man könnte sagen: wie langweilig. Nein, diese Weiten sind aufregend und sie erzeugen Demut.

Im Herbst werde ich auf der gleichen Strecke die dritte Reise machen. Dann will ich mich auf Porträts konzentrieren, mutiger an den Türen klopfen, neu gewonnene Bekannte besuchen. Bis dahin werde ich Bilder aufbereiten und Tonmaterial schneiden.

Immerhin: Deutschland ist das Land der Himmel und Wolken. Das war mir gar nicht so klar.

Lützschena (Leipzig), Radefelder Weg, 2020

Almost exactly 39 years ago I had the idea of a hike from Leipzig to Schwerin out of a desire for adventure and curiosity about my country. I had only chosen Schwerin because I did not know this city yet. At that time I tried to walk along a line drawn with a ruler. Of course this was only possible to a limited extent. Opencast mines, rivers and restricted areas demanded many a detour. The 312 km I measured at that time I managed in nine days.

This summer I tried to repeat the hike of that time. The template was a detailed hiking diary with route sketches, some photographs and numerous true crazy stories, which I had written 39 years ago after the end of the hike.

Now I wanted to know: how have landscape and people changed in the almost four decades?

I did not walk exactly the same way. Various route planners recommended me partly shorter, often also more pleasant ways. While running next to a highways were not a big problem at that time due to the low traffic, today one has to hope that there is a bicycle or foot path next to the slope. So I have been on my feet for a total of about 320 km. And this although I skipped the last stage from Parchim to Schwerin.

In the end, my feet just didn’t work anymore, despite the best footwear and a back free of load. Temperatures just below 30°C for days and numerous blisters had led to a permanent pain that was hard to bear. But the trip also brought a disappointment: 39 years ago people were open-minded, curious and helpful. Now they are often taciturn. If I was offered a place to stay for the night without any problems, now the daily search for accommodation was often a challenge. Nearly all village pubs had received the deathblow with CoVid-19, if they had not been closed years before. Not a single village pub was open for supplies or one or the other talk, hardly any snack bars at the crossroads of the big streets, high gates and fences at the homesteads.

So I mainly photographed the landscape. And above all the skies. Germany is one of the most densely populated countries. Nevertheless there are huge areas in the east where there is not any house. You could say: how boring. No, these wide fields are exciting and they lead to humility.

In autumn I will make the third journey on the same route. Then I want to concentrate on portraits, knock on doors more courageously, visit some new friends I found nevertheless. Until then, I will prepare pictures and cut sound material.

After all: Germany is the land of the skies and clouds. That wasn’t so clear to me.