Auf Seumes Weg

26. August 2022 ...

Der Tag meiner Abreise rückt näher, die Route ist komplett geplant, eingeteilt in 91 Komoot-Wandertage, an denen ich im Schnitt um die 28 km zurücklegen werde. Einerseits kann ich es kaum erwarten, wieder unterwegs zu sein. Andererseits bin ich gespannt, wie ich alles physisch und psychisch verkrafte. Am Anfang wird der Reiz des Neubeginns stehen. Bis hinter Pirna sind mir Landschaft und sogar Teile der Strecke einigermaßen vertraut.

Die Überquerung des Erzgebirges wird vermutlich einige bedrückende Erinnerungen provozieren. Ich habe im Erzgebirge zweieinhalb Jahre meines Lebens als Soldat zugebracht, und das waren die unangenehmsten, sinnlosesten meines Lebens. Den Norden von Tschechien habe ich bisher nur vom Zugfenster aus gesehen oder bin auf dem Weg zwischen Dresden und Prag durchgetrampt. In Usti waren wir einmal einige Tage mit der Klasse des Gymnasiums, da muss ich 15 oder 16 gewesen sein, und ich erinnere mich kaum an Details. Prag habe ich zum letzten Mal 1986 besucht, Hochzeitsreise, danach einige Durchreisen.

Die Mitte Italiens, den Süden und Sizilien kenne ich noch gar nicht. Nur einige Städte habe ich dort besucht. Ich habe mich gewundert, warum mir Komoot in diesen Regionen an Straßenkreuzungen beachtliche Umwege vorschlägt. Suche ich diese Orte mit Google-Streetview auf, stelle ich fest, dass es an diesen Straßenabschnitten keine Fußwege gibt. Ich könnte wohl einige Kilometer sparen, wenn ich dort einfach auf der Straße bliebe. Bleibt die Frage, wie gefährlich das ist. Offenbar aber sind in Italien in Teilen des Landes Radfahrer oder Fußgänger nicht wirklich gelitten, denn auch Radwege habe ich an solchen Stellen nicht entdeckt, und das, obwohl Italien doch eigentlich die Nation mit einer großen Radrenn- und Rennradtradition ist. Und möglicherweise ist zu Fuß kaum jemand unterwegs, wenn es heiß, staubig und trocken ist.

Bei der Rekonstruktion von Seumes Route auf Sizilien musste ich feststellen, dass dieser einen erheblichen Umweg ging. Einen Umweg jedenfalls, wenn man von Agrigent den kürzesten Weg nach Syrakus sucht. Statt an der südlichen Küste entlangzulaufen, querte er die Insel in einem riesigen Bogen im Landesinneren. Tatsächlich räumte er ein, sich mehrfach verirrt zu haben. Es wird aber auch einen anderen Grund für diesen Umweg gegeben haben: Wasser. Bei meinen Recherchen musste ich u.a. lernen, dass Wege und Straßenführungen entlang der Flüsse oder entlang von Berghängen mit austretenden Quellen bevorzugt wurden, weil man fortwährend Wasser für das Vieh, also für Pferde, Ochsen und Esel brauchte, mit denen man unterwegs war. Das (Süß-)Wasser war die Tankstelle, die Ladesäule des neunzehnten Jahrhunderts und gewiss auch der Jahrhunderte zuvor. Möglicherweise waren Küstenstraßen auch uninteressant, weil dort Schiffe und Boote effektiver waren, weil das Süßwasser nur ab und zu an einmündenden Flüssen zu finden war, die natürlich nie parallel zur Küste verliefen.

So ist denn auch häufig bei Seume zu lesen, wie er die unterschiedliche Qualität der Gewässer beschreibt, die ihm unterwegs begegnen. Was einem heute schrullig erscheint, war damals existenziell. Er läuft denn tatsächlich über weite Strecken entlang der Täler der großen Flüsse (Elbe, Moldau, Donau, Mur, Po usw.). Und auf Sizilien nahm er von Agrigent kommend vermutlich auch deshalb wieder den Weg nach Nordosten, weil er so an einem Fluss entlanglief. Seume führte eine Gummiflasche für Wasser mit sich, wie groß diese war, weiß ich nicht. Oft steckte er große Mengen Orangen ein.

Sizilien scheint über große Teile eine sonnendurchflutete Ödnis zu sein. Ich werde stark sein müssen.