312 km – Die Linie durch das Land – The Line through the Land

Radefeler Weg, Stadtrand Leipzig, 2021 

(english version below)

1981: mitten im Militärdienst entschließe ich mich, von Leipzig nach Schwerin zu wandern. Die Strecke zog ich mit dem Lineal auf der Karte. Sie querte fast die gesamte DDR, den Osten Deutschlands hinter dem Eisernen Vorhang. Der Versuch, entlang dieser Linie zu laufen, scheitert immer wieder: Tagebaue, Hochwasser an der Elbe und militärische Sperrgebiete zwingen zu Umwegen. Neun Tage ging ich durch karge, flache Landschaften. Ab und zu wurde ich von der Polizei kontrolliert, einmal von sowjetischen Soldaten festgenommen. Aber die Menschen in den Dörfern waren unglaublich freundlich zu mir. Jeder hatte etwas zu erzählen, immerzu wurde ich auf ein Bier eingeladen, oft bot man mir abends ein Bett. Was ich damals lernte: man kann den Menschen vertrauen, wenn man selbst von Freundlichkeit und Offenheit geprägt ist.
Am Ende bin ich 312 km gegangen. Diese Reise hat mein Leben geprägt.
Die Reise lieferte aber auch den Stoff für ein mit Fotografien versehenes Tagebuch von 107 Seiten, welches ich bis heute verwahre.
Im Jahr 2020 wandere ich erneut. Ich gehe fast den gleichen Weg, durchquere die gleichen Dörfer. Das Tagebuch ist nun – 39 Jahre später – mein Reiseführer. Doch Land und Leute haben sich 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Sozialismus im Osten Deutschlands verändert. Die Dörfer sind kaum noch Orte der Arbeit. Wer hier noch wohnt, braucht ein Auto. Menschen begegnet man auf den Straßen nur noch selten. Läden und Kneipen sind verschwunden. Verträumte Landstraßen haben sich in dröhnende Pisten verwandelt. Und mir als Wanderer begegnen die Menschen oft mit Verwunderung und Skepsis. Manches ist mir fremd geworden, hat sich gravierend verändert. Aber die Landschaften bleiben ewig. Wieder bin ich neun Tage unterwegs, und ich beginne zu verstehen, wie Flüsse und weite Felder meine Seele und mein Sehen geformt haben.
Fotografien, Sounds und Texte (gesprochen von der Schauspielerin Susann T. Wagner, Berlin) habe ich zu einem poetischen Film verbunden. Die ersten, die ihn im Oktober 2021 sehen, sind die Menschen in einigen Dörfern, die auf meinem Weg lagen. Zu dem Film gehört eine Ausstellung mit aktuellen und historischen Fotografien, Auszügen aus dem Tagebuch und natürlich dem Tagebuch selbst. Zu dem Projekt gibt es eine Box mit einem Leporello (18 Fotografien und 18 Texte) und dem Film auf einem USB-Stick.


1981: in the middle of my military service I decide to hike from Leipzig to Schwerin. I drew the route with a ruler on the map. It crosses almost the entire GDR, the eastern part of Germany behind the Iron Curtain. The attempt to walk along this line failed again and again: open-cast mines, floods on the Elbe River and restricted military areas forced detours. For nine days I walked through barren, flat landscapes. From time to time I was checked by the police, once I was arrested by Soviet soldiers. But the people in the villages were incredibly friendly to me. Everybody had something to tell, I was always invited for a beer, often they offered me a bed in the evening. What I learned then: you can trust people if you yourself are characterized by friendliness and openness.
In the end I walked 312 km. This trip has shaped my life.
But the hike also provided the material for a diary of 107 pages with photographs, which I keep until today.
In the year 2021 I hike again. I walk almost the same way, cross the same villages. The diary is now – 39 years later – my travel guide. But the country and its people have changed 30 years after the collapse of socialism in eastern Germany. The villages are hardly places of work anymore. Anyone who still lives here needs a car. You rarely meet people on the streets anymore. Stores and pubs have disappeared. Dreamy country roads have turned into droning dirt roads. And as a hiker, I often encounter people with astonishment and skepticism. Some things have become strange to me, have changed dramatically. But the landscapes remain eternal. Again I am on the road for nine days, and I begin to understand how rivers and vast fields have shaped my soul and my way of percepting an landscape.
Photographs, sounds and texts (spoken by the actress Susann T. Wagner, Berlin) I have combined into a poetic film. The first to see it in October 2021 will be the people in the villages that lay on my path. The film is accompanied by an exhibition of current and historical photographs, excerpts from the diary, and of course the diary itself. The project comes with a box for collectors containing a leporello (photographs and texts) and the film on a USB stick.

Radefeler Weg, Stadtrand Leipzig 1981